Die Weitergabe eines Erbes
Christophe Reibel (Synvira) erläutert den Zusammenhang zwischen der Vergangenheit des Kastelbergs und der gegenwärtigen überaus lebendigen Präsenz der Winzer: „Die Römer hatten hier Weinstöcke gepflanzt. Ein Dokument erwähnt die Bereitung grosser Weine in diesem Terroir bereits ab dem Jahr 1064, ohne Zweifel weil einer der berühmten Konsumenten seiner Weine in der damaligen Zeit kein Geringerer war als Papst Leo IX., der aus der Weinproduktion der Abtei Andlau beliefert wurde, die unter seiner direkten Herrschaft stand. 1850 war der Kastelberg das erste Terroir von Andlau, dessen Name auf einem Flaschenetikett stand.“
Jean-Louis Stoltz (1777-1869) war nicht der letzte, der sich aufgrund der Einzigartigkeit seines Bodens und seines Rebsortenbestands für diesen Cru interessierte. Das ehemalige Sanitätsoffizier der Streitkräfte der Republik verbrachte ab 1820 einen goldenen Ruhestand in Andlau. Seine Leidenschaft für den Wein und den Kastelberg liess ihn verschiedene Rebsorten testen, aus denen der Riesling als einziger Sieger hervorging. Seine Leidenschaft war es auch, die ihn zum Kauf von Parzellen am Kastelberg antrieb, damals Eigentum der Abtei Andlau. Auf einer dieser Parzellen erbaute er auf halbem Hang ein kleines Haus mit Kapitellen und Säulen, von dem heute nur noch die Fundamente zu sehen sind. Das „Chalet“, wie die Leute des Cru es nannten, wurde zu einem Ort der Ruhe, der für wissenschaftliche Beobachtungen und zum Schreiben genutzt wurde. Dort verfasste Jean-Louis Stoltz den Grossteil seiner Ampelografie, die 1852 veröffentlicht wurde.
>Das Werk bleibt bis heute das einzige Verzeichnis der verschiedenen Rebsorten und Pflanzensorten, die im Rheintal wachsen. Das Elsässer Weinbaugebiet verdankt diesem begeisterten Weinbauern die Züchtung seines Rieslingstammes sowie die Erfassung und Klassifizierung seiner besten Terroirs, ein Werk, das über ein Jahrhundert später eine zentrale Rolle bei der Festlegung der Rangfolge der Herkunftsbezeichnungen Alsace und Alsace Grand Cru gespielt haben. Als Nachfolger seines Vaters führte Alexis Stoltz das Familienwerk weiter und kaufte dank seines Vermögens, das er als bevorzugter Geburtshelfer der einflussreichsten Damen Europas angehäuft hatte, Rebflächen auf dem Kastelberg. Da er keinen Erben hinterliess, schenkte er der nach ihm benannten gemeinnützigen und humanitären Stiftung etwas mehr als einen Hektar des Kastelbergs, der auch heute noch im Besitz der Stiftung ist.
In der jüngeren Geschichte, genauer gesagt in den 1960er Jahren, die von der Demokratisierung der sonntäglichen Landausflüge der Städter geprägt waren, wurde der Riesling vom Kastelberg gern in den Andlauer Restaurants als offener Wein serviert, dessen Namen man nicht nannte. Diese Zeit der Anonymität ist vorbei! Seit den frühen 1980er Jahren haben die Winzer des Grand Cru unter dem Einfluss der von der Bruderschaft Confrérie des Hospitaliers du Haut d‘Andlau organisierten Weinbergbesichtigungen dieses Kulturerbe neu entdeckt.